InScribe — aus eigenen Interviews wird ein Theaterstück
InScribe ist ein von ArtesMobiles entwickeltes Werkzeug für die Stückentwicklung. Es begleitet eine Gruppe auf dem Weg von den ersten Begriffen bis zum geschriebenen Szenentext — auf der Grundlage von Interviews, die die Gruppe selbst führt.
Gedacht ist das Werkzeug für alle, die aus Originalstimmen Szenentexte entwickeln wollen, die nah am realen Leben sind — Autor:innen, Schauspieler:innen, Performer:innen, Laiengruppen und Regie.
Der Arbeitsweg
Der Weg verläuft in acht Phasen. Er ist eine Landkarte, kein Fahrplan: Die Gruppe kann jederzeit abbiegen, zurückspringen oder eine Entscheidung verwerfen.
Begriffe
Im Plenum gesammelt, an der Wand, analog. Der Agent sammelt nicht selbst — er nimmt entgegen und ordnet.
Fragen
Aus den Begriffen werden offene Interviewfragen, jede an einem Begriff festgemacht. Heikle Fragen bekommen eine weiche Fassung, die den Ausstieg mitliefert.
Interviews
Aufgenommen als Sprachnachricht. Das Transkript kommt wörtlich zurück, danach die Verdichtung zu Kernthemen mit Belegzitat.
Figuren und Setting
Frei erfunden — ohne das Interviewmaterial.
Geschichte
Was passiert, und wie es endet.
Inhalt aus den Interviews holen
Jetzt erst legt InScribe die belegten Stellen neben das Erfundene und schlägt Zuordnungen vor, jede mit Begründung. Die Gruppe übernimmt oder verwirft.
Szenen
Erst die Szenenfolge, dann die Texte.
Textbuch
Je Szene die Form wählen: Dialog, Monolog, Chor, Lied oder Rap.
Gearbeitet wird in einem Telegram-Gruppenchat, einem je Kleingruppe. Der Arbeitsstand aller Gruppen — Phase, Begriffe, Fragen, Figuren, Szenen, Entscheidungen — liegt zugleich auf einer projizierbaren Webseite. Der Prozess ist damit zu keinem Zeitpunkt eine Black Box, und er ist übergabefähig: Eine angefangene Arbeit kann von einer anderen Konstellation weitergeführt werden.


Wie wir mit der Datenfrage umgehen
Hier sprechen Menschen über ihr eigenes Leben. Also beantworten wir die Frage genau, nicht schöner:
- Spracherkennung und Sprachmodell laufen in der Schweiz, mit offenen Modellen, ohne Training auf Nutzerdaten.
- Der Chat läuft über Telegram, mit Sitz außerhalb der EU — damit auch die Sprachaufnahmen. Bewusst in Kauf genommen: ohne eigenen Chatraum keine eigenständigen Kleingruppen. „Vollständig souverän” wäre falsch.
- Für ein stärkeres außereuropäisches Modell fragt InScribe nach, statt selbst umzuschalten. Die Interviewtranskripte verlassen den europäischen Weg nie.
- Einwilligung und Löschung sind organisatorisch geregelt; das Material einer Gruppe lässt sich vollständig löschen.
Wo das herkommt, und wohin es geht
Zwei Produktionen gingen voraus. Für herkules.exe am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel entstand der Stücktext aus Interviews — als Handarbeit. Für Versuch über die nachhaltige Ordnung merkwürdiger Dinge am Stadttheater Gießen entstanden die Bausteine: Verfahren, die Textvarianten erzeugen, bewerten und auswählen, während die Probe läuft.
Als Nächstes ein Workshop mit Schauspielstudierenden in Padua ab dem 21. September 2026, auf Englisch. Für eine Produktion in Dortmund 2027 soll das Verfahren in den Serienbetrieb gehen — beantragt, noch nicht entschieden.
Weitere Experimente: Moodboards für Kostüme, Musikgenerierung, generierte Bilder und Videos als Szenenhintergründe. Songtexte und Raps nicht — die sind gebaut und erprobt.
Quellcode: https://github.com/birkschmithuesen/interview-theater.